Transparenz (Transluzenz)
![]() ![]() Die Gründe für die Abkehr von der tradierten Malweise waren eher geistige und emotionale als handwerkliche oder technische. Trotzdem opferte man die von vielen Generationen geschätzten, angewandten und nützlichsten Erkenntnisse, um bald darauf mit erneuter Unzufriedenheit neue Stilrichtungen einzuschlagen. Mit dem Verlust handwerklichen Wissens gingen vermehrt auch maltechnische Darstellungsprobleme bei der Umsetzung des Geschautem auf die Leinwand einher, aus denen man teilweise eine neue Weltanschauung machte. |
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![]() ![]() Diese "Kunstauffassung" gipfelte in den großformatigen, monochromen Leinwänden von Yves Klein, der diesen Spruch besonders wörtlich nahm. Das Copyright seines ersten "Meisterwerks" dieser Art in Blau (1962) wurde auf Wikipedia wegen mangelnder "Schöpfungstiefe" (auch "Gestaltungshöhe" genannt) später angezweifelt. Die vom Künstler beabsichtigte "Originalität" kippt ins Nichtssagende um – das Bild ist quasi "gemeinfrei" (im Internet frei benutzbar). Daran kann auch die Patentierung(!) seines spezifischen Blaus nichts ändern (Abbildung im Kapitel Naturalismus). |
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![]() Ein inneres Leuchten, das aus der Farbfläche selbst zu kommen scheint, sowie lebendige Strukturen und Rhythmen sich abwechselnder Hell- und Dunkellasuren ersetzen dann viele äußere Attribute und "Zeichentricks", die bei anderer Malweise zur Verdeutlichung von Raum und Perspektive kompensierend eingeführt werden müssen. |
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![]() Die Schule reinen Schauens gehört zur geistigen Seite seines Kunstverständnisses. Zum handwerklichen Rüstzeug trägt die mehrschichtige Lasurentechnik bei, die auf der 4. Eigenschaft der Farbe basiert, der Transluzenz. Mit der Schule reinen Schauens kombiniert ermöglicht sie, den inneren Aufbau, die geistige Schwingung, den Puls der Dinge zu vermitteln. |
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![]() Der Transluzenz kommt in der Umsetzung und Vermittlung visueller Erlebnisse eine entscheidende Rolle zu, sowohl auf der rein handwerklichen als auch auf der philosophischen Ebene. Vietinghoff selbst steht also in der Polarität "Physik – Metaphysik" und reiht sich damit de facto – wenngleich absichtslos – unter die Mystiker. (s. Vietinghoff – der Mystiker und seine Zeitgenossen) |
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![]() Das Wissen um die Transluzenz der Farbe und deren gekonntes Handhaben sind für Vietinghoff die theoretische und technische Voraussetzung, um seine Schau dem Betrachter vermitteln zu können. Die äußere Form ist dabei bloß eine Vorlage und nach dem künstlerischen Prozess auch ein – allerdings gewandeltes – Ergebnis. Die Form an sich, anekdotischer Inhalt oder eine allfällige Botschaft interessieren dabei gar nicht. Deshalb sind Vietinghoffs Werke, wie alle anderen aus visionärer Malerei entstandenen, primär keine Illustrationen und haben deshalb auch mit Naturalismus nichts zu tun, obwohl sie gegenständlich sind. |
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![]() Der 2. Fliegenpilz v.l. (vorne unten) ist als annähernd runde orange-roten Fläche angelegt. Um ihr Form zu verleihen, wird mittels unterschiedlicher Strichtypen strukturiert. 1) Weiße deckende Tupfer für die typischen Merkmale eines Fliegenpilzes. 2) Schwarze deckende Tupfer und kurze Striche teilweise als Schatten der weißen. 3) Dunkle Lasuren in der Mitte des Pilzhuts sowie auf der schattigen rechten Seite unter- und oberhalb der weggebrochenen Stelle ergeben die leichte Vertiefung im Zentrum und die Rundung nach rechts. Aufgrund der Transparenz ist der rote Gesamteindruck nicht gestört. Links entsteht Transparenz durch halbdeckende rote Striche über der orangen Lage. 4) Helle Lasuren kommen mehrfach vor: links gelbe auf Orange und Rot sowie etwas rechts unter der Mitte feine weißliche sowohl auf Rot als auch über dem dunklen mittigen Flecken. Dieses hingehauchte gelbliche Weiß deutet den matten Glanz der Haut an, während die stärker reflektierende Partie links etwas deckende Farbe braucht. Vietinghoff war Rechtshänder, die Staffelei stand rechts vom Fenster, so dass die malende Hand keinen Schatten warf. |
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![]() ![]() Bei Porträts entsteht die endgültige Hautfarbe oft aus mehreren Hell-Lasuren und leuchtet im Dekolletee dort auf, wo eine deckende noch hellere Farbe abschließt. Die dunklen Lasuren bilden – wie auch bei diesem Beispiel – die Schatten auf der rechten Seite, vor allem bei der Nase und am Hals. |
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