Naturalismus ?
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Wahrheitstreue, Mystik und musisches Sensorium ![]() ![]() Seine Definition visionärer Malerei meint mit Treue zur Natur, die gegebenen Naturphänomene in ihrer tatsächlichen Erscheinung anzunehmen und sie ohne willentliche Verfremdungen künstlerisch zu verarbeiten. Wie andere große Künstler huldigt er damit der Schöpfung und bereitet sie für die Betrachtung anderer visuell auf. E. v. V. empfindet die eigenmächtigen Veränderungen an der Natur durch die Dadaisten, Kubisten und Surrealisten als eine Art "Abfallen von der Schöpfung". "Naturgetreu" zu sehen und zu gestalten, heißt zwar nicht zu kopieren, aber doch "wahrheitsgetreu" wiederzugeben, d.h. der inneren Wahrheit der Phänomene auf die Spur und damit Ihrer Transzendenz auf den Grund zu kommen. |
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![]() Die Dinge auf den Kopf zu stellen, zu verzerren, zu zergliedern, zu verstümmeln wie es seit dem 20. Jh. in den bildenden Künsten üblich ist, zeugt nach Vietinghoffs Philosophie u.a. von sinnentleerter Beliebigkeit und manchmal auch von Verhöhnung von Natur und Publikum – aus welchen historischen und psychologischen Gründen auch immer, es wird den natürlichen Phänomenen damit stets etwas angetan. Darunter befinden sich Experimente aus Übermut (z.B. persönlicher Überheblichkeit), Verzweiflungsschreie (z.B. angesichts von Kriegen), bewusste Provokationen (z.B. gegen das Spießertum) oder Produkte modischen Mitläufertums. Jedenfalls entspringt diese Kunstauffassung nicht dem, was Vietinghoff als "Visionäre Malerei" mit transzendentaler Heimat beschreibt. |
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![]() (Robert Schumann, Komponist 1810-1856, Musikalische Haus- und Lebensregeln). |
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![]() Reine Malerei beruht auf der Sinneswahrnehmung der Augen und wird durch alles andere, was nicht Sehen ist, eingeschränkt. Psychologische, anekdotische, politische, ideologische oder pädagogische d.h. kognitive Botschaften lenken von dem ab, was den bildenden Künsten wesensgemäß ist. Die Aufmerksamkeit auf farbliche Erlebnisse als solche, auf das rein Visuell-Visionäre wird gemindert, wenn andere als visuelle Aspekte sich einmischen. Das ist die künstlerische Erkenntnis Egon von Vietinghoffs. |
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![]() Optisches Sehen ist nicht dasselbe wie (visionäres) transzendierendes Schauen. Im einen Fall entsteht ein Kunstwerk, das eine eine tiefe Einsicht vermittelt, im anderen eine oberflächliche Imitation der Natur, vielleicht sogar eine Art optischer Betrug. In beiden Fällen kann der Betrachter zwar ins Staunen kommen, doch bezieht sich dieses Staunen jeweils auf sehr unterschiedliche Phänomene: auf eine verblüffende Virtuosität oder auf eine enthüllte Wahrheit. Sehr oft ist der Laie jedoch nicht in der Lage dies zu unterscheiden und hält beeindruckt ein technisches Kunststück für "visionäre" Kunst. |
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![]() Der gebildete oder verbildete Kunstbanause hingegen verbindet sein Unverständnis für künstlerische Dinge mit dem Begriff Kunst schlechthin. Nach dem Motto «Wenn ein Maler oder Bildhauer etwas Unverständliches herstellt, dann muss es Kunst sein.» Er glaubt Kunst zu erleben, wenn ihm das betrachtete Werk unverständlich bleibt, sei es aus eigener Blindheit für die Produkte der Phantasie und für die transzendenten Aspekte des Lebens oder sei es deshalb, weil das betrachtete Werk selbst überhaupt nichts ausdrückt." (Egon von Vietinghoff) |
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![]() Auf dieselbe Skepsis des Physikers, der im Feuer nur ein Verbrennungsphänomen sieht, stößt auch der Parse, dem sich die Flamme als das Sichtbarwerden einer Gottheit offenbart. Und wie der Physiker die Ergriffenheit des Parsen etwa als Wirkung von Einbildung oder gar Autosuggestion zu erklären sucht, neigt auch der amusische Mensch dazu, die ihm unverständliche Ergriffenheit des Kunstbetrachters als Überspanntheit abzutun." (Egon von Vietinghoff) |
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![]() Die Unterscheidung zwischen visionärer und optischer Naturähnlichkeit ist für die Wertung des künstlerischen Gehaltes ausschlaggebend, doch ist sie nicht immer leicht zu treffen, denn viele Kunstwerke sind zugleich Produkte visionärer wie nachahmender Wahrnehmung. In der gegenständlichen Malerei sind nur Werke der allergrößten Meister ganz frei von naturalistischen Einschlägen. Ihre aus transzendierender Einsicht und künstlerischer Phantasie geborenen Visionen waren so deutlich und ihre (auch handwerkliche) Fähigkeit sie unmittelbar darzustellen so ausgebildet, dass sie auf die Krücken der Nachahmung verzichten konnten und sich auch von ästhetisierenden Belangen kaum einschränken ließen. |
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