Conrad von Vietinghoff, der Vater
![]() ![]() Kein einziger Ton seines bewunderten, weichen Anschlags, seiner "singenden" Interpretationen wird jemals aufgenommen. Er stirbt, unbeachtet und fast besitzlos, im Alter von 86 Jahren in Zürich im Beisein seines Sohnes Egon einen sanften Alterstod. |
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![]() Trotz einer seltsamen Kombination von "Unwissenheit", Bildung und einer eigentümlichen Art von Intelligenz war ihr Denken ausgesprochen weltoffen, kultiviert, großzügig und selbstbewusst. Sie zeichneten sich aus durch freiheitlichen Lebensstil, Zivilcourage, "Immunität" gegenüber dem Gewöhnlichem, Schrulligkeit, Zerstreutheit, Mangel an Lebensnähe und Realitätssinn, Naivität, Herzlichkeit, lebhafte Erzählweise, allerdings auch durch Schwermut, aus der sie unfreiwillige Komik und bis zur Selbstironie gesteigerter Humor wieder retten konnte. Den livländischen Deutschen eignet auch ein besonderer Ernst und bis zum Überengagement ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Vieles davon ist auch für Conrad und Egon von Vietinghoff charakteristisch. |
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![]() Durch seine Berufswahl, seine autodidaktisch erarbeitete Maltechnik, seine individuelle Kunstauffassung sowie durch die Wahl seiner Ehefrauen, setzt Egon von Vietinghoff den Aufbruch aus Konventionen in der 2. Generation fort. |
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![]() Im Auftauchen solch ausgeprägter künstlerischer Potentiale erblühen bei Vater und Sohn unerwartete Talente aus den auch schmerzvollen Brüchen mit der Vergangenheit: eine neue Art der Kreativität kommt in Fluss. Durch den schriftstellerischen Beitrag seiner Mutter konstellierte sich in den Biografien von Egon von Vietinghoff und seiner Eltern die klassische Trinität von Literatur, Musik und Malerei. |
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3 - Hommagen an Conrad von Ernst Merz ![]() In stiller Zurückgezogenheit feiert am 29. Dezember der Musiker Conrad von Vietinghoff in Zollikon seinen 70. Geburtstag. Nach den Universitätsjahren an der bekannten baltischen Universität in Dorpat löste er sich innerlich vom baltischen Adel los, um sein Leben ganz der Musik und den Mitmenschen zu widmen. Er studierte bei einem Schüler von Brahms Musikwissenschaft und bildete sich im Klavierspiele aus. Selten ist er öffentlich aufgetreten, dafür spielte er umso inniger und gewaltiger im kleinen Kreise seiner Bekannten und Freunde. Viele Familien in Zollikon und Zürich wissen um sein edles und durchseeltes Spiel, um seine leidenschaftliche Gestaltung der Tonwerke und um den zarten und weichen Anschlag. Es ist, als ob unter seinen Händen der Flügel zu singen anfinge; es ist ein Spiel, das von Herzen kommt und zum Herzen geht, dass der Mitlebende und Lauschende im Tiefsten ergriffen und erschüttert wird. Immer fand Conrad von Vietinghoff auf seiner weiten, erlebnisreichen Pilgerfahrt durch Europa, in Lettland, Holland, in Berlin, Paris Wiesbaden, Genf und Zürich gleichgesinnte Seelen, die sich in seinem Künstlerheim zusammenfanden, das er mit der bekannten Schriftstellerin Jeanne de Vietinghoff, seiner früh verstorbenen Gattin, geführt hat. |
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![]() Dass von Vietinghoff in Paris den weltberühmten Cellisten Casals begleitete und sich bis heute seiner Freundschaft erfreut, zeigt sein Können und seine Meisterschaft im Klavierspiel. |
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![]() Eine umfassende humanistische Bildung hat er sich neben seiner Liebe zur Musik angeeignet. Wäre er nicht Musiker geworden, würden wir heute einen Forscher der vergleichenden Sprachwissenschaften feiern können. Es ist erstaunlich, wie viele Sprachen er beherrscht. Die griechische, die lateinische, die deutsche, die französische, die englische, die italienische, die norwegische, die lettische, die russische und die holländische Sprache sind ihm vertraut, die er auf seinen Reisen und seinen Aufenthaltsorten in den verschiedenen Ländern kennen lernte. Schade, dass diese Sprachbegabung nicht der Öffentlichkeit, sondern nur einem kleinen Kreise zugute kam. |
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![]() Was sollen wir ihm in einer eisernen Zeit wünschen, die das Wertvolle wahrer Kultur zu vernichten scheint? Dass Friede und Menschenwürde auf Erden wieder einziehen mögen, die Werte, für die Conrad von Vietinghoff sich immer begeistert und unermüdlich eingesetzt hat, das wäre wohl sein und unser sehnlichster Wunsch. |
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![]() Dessen aber darf er vor allem versichert sein, dass alles, was er in seinem Leben des inwendigen Kampfes geschenkt hat, in Symphonien, im Gleich- und Zusammenklang, wieder zu ihm zurückfluten wird, und dass ein Leben großer Güte in dauerndes ewiges Leben eingeht. |
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![]() Da er selten in Konzerten vor der Öffentlichkeit aufgetreten ist, kennen nur wenige sein hohes Spiel und seine Kunstauffassung, die Durchseelung der Werke von Bach, Beethoven, Brahms, Chopin und Reger. Wenn die Gleichgesinnten und Gleichgestimmten sich bei ihm versammeln, dann ertönt sein Flügel zu solchem Singen und Klingen, dass jeder im Innersten erschüttert wird. Weich und zart, wie er selbst ist, ist sein Anschlag; wenn aber die Leidenschaft aufleuchtet, dann scheint es, als ob ein Heerführer von Akkorden und Klängen am Flügel sitzen würde, als dirigierte der Pianist ein ganzes Orchester, um seinen Sturm und Drang in die Bahnen ewiger Gesetzmässigkeit zu bannen. Nie habe ich solche Einung von grösster Zartheit und mächtigster Leidenschaft gehört, nie solch ein Sehen und solch eine Überwindung allen Wehs, eingetaucht in überirdische Welten. |
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![]() Wohl selten traf ich in meinem Leben einen Menschen, der so innig mit den geistigen und unsichtbaren Reichen verbunden war. Nicht nur Gedanken und Ideen über das "Jenseits" fand ich in ihm, sondern ein Leben im Überirdischen, eine mächtige Sehnsucht nach Überwindung alles Allzumenschlichen, der kleinen Erde und der gross sich dünkenden "Realität". Musik – Liebe – Ewigkeit schufen die Lebensatmosphäre, in der Conrad von Vietinghoff beheimatet war; diese drei Mächte bringen die Seele des Menschen in Schwingung und wandeln ihn, so dass er jenen Zustand erreicht, den wir Glückseligkeit nennen. Es ist als ob er als Künstler das Wogen und Walten der Töne und Schwingungen übertragen hätte auf den Kosmos oder aber dass er mit einem neuen Sinn einer überdurchschnittlichen Sensibilität aus dem Kosmos, aus dem Reich der Sonnen und Planeten, der Geister und Engel die Harmonie der Sphären gehört hätte. Dass Menschen mit der überfeinen Sensibilität es nicht leicht haben in einer Zeit der Weltkriege, der harten Technik, Revolutionen und mitten im Aufstand der Massen, ist klar. Aber trotz dieser fast infernalen Entwicklung unserer Epoche hielt er felsenfest an dem geistigen Besitz fest, den er sich im Laufe seines reichen Lebens erkämpft hatte. |
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![]() Dieses irdische Leben und die Unendlichkeit, die Leidenschaft und die Überwelt der Geister verbindet er zu einer grossen Symphonie, wie sie die Tondichter geschaffen haben. Und dass gerade aus der Liebe und der Leidenschaft die eigentlichen bleibenden Werke erstehen, war und ist seine felsenfeste Überzeugung. Er ist ein Mensch des Herzens, der Gefühle, des ahnenden Schauens und der zarten Empfindungen, der in seiner Güte zu verstehen, zu helfen und zu schenken sucht. Über seinem Leben erstrahlt das Wort, das einer seiner Freunde ihm einst geschrieben: Er ward geboren, um zu lieben. |
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Anmerkung: Wegen seines Mitgefühls und seiner Gutgläubigkeit verlor C.v.V. durch Geldgeschenke und Bürgschaften einen Teil seines Vermögens, so dass sein Sohn (der Maler Egon) die Vormundschaft über seinen Vater übernehmen musste.
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4 - Erinnerungen seines Arztes ![]() Brief vom 3. Oktober 1989 Ich behandelte als Hausarzt der Familie [1] Baron Conrad v.Vietinghoff während seiner sechs letzten Lebensjahre, genauer gesagt vom 18. Februar 1951 bis zum 12. Januar 1957, seinem Todestag im Alter von 86 Jahren. Er lebte damals in Zollikon, einem Vorort von Zürich, in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung mit einem hübschen Blick auf den See. Sie hatte einen altmodischen Luxuscharakter, ein bisschen in der Art von Vuillard, voll von Teppichen und alten, sichtlich vernachlässigten Möbeln, einschließlich des Flügels und eines Musikschranks in Form einer Lyra, vollgestopft mit vergilbten Noten, jedoch keinen Kompositionen aus eigener Hand – davon war niemals die Rede [2]. Es scheint als hätte C.v.V. nie öffentliche Konzerte gegeben [3] (ich erinnere mich nicht, in Zollikon Zeitungsausschnitte gesehen zu haben), hingegen häufig an Abenden der gehobenen Gesellschaft, so wie dies auch in Zürich der Fall war. Ich selbst habe bei ähnlichen Gelegenheiten teilgenommen, das letzte Mal in Küsnacht, wo man den 80. Geburtstag von C.v.V. feierte und wo er mit mir Auszüge aus dem Violinkonzert von Max Reger spielte (C.v.V. hatte unter anderen eine Vorliebe für Brahms und Reger). Selbst im hohen Alter erwies sich der Baron als bemerkenswerter und erfahrener Pianist – mehr noch: als echter Musiker, der behutsam und innig zum Wesen eines Musikstücks vordrang. |
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![]() Der Baron war groß, mager, ein bisschen abgezehrt, jedoch in guter Verfassung für sein Alter, von lebhaftem Geist, mit intaktem Gedächtnis und oft sarkastisch. Mit seiner unsicheren Kopfstimme machte er tatsächlich einen etwas femininen Eindruck, von großer Sensibilität und Feinheit. Er liebte es, seine Altersschwäche zu betonen. Er ging selten aus, blieb immer häufiger im Bett und versorgte sich beim geringsten Wetterwechsel, selbst im Sommer, mit mehreren Decken und einer Pelzmütze. Zu unseren ärztlichen Besuchen servierte er Tee und kleines Gebäck. "Herr Doktor, kommen sie das nächste Mal nicht, es ist zu anstrengend für sie." Oder, wenn ich meine Abwesenheit während des Urlaubs ankündigte: "Das ist sehr schade, ich werde in der Zeit sicherlich sterben." Ich kannte zwar Herrn v.Vietinghoff nur in seinen letzten Lebensjahren, aber ich habe seine freundliche und diskrete Art nie vergessen ... |
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![]() Die Bekenntnisse des Alexis haben mich sehr überrascht und berührt. C.v.V. ist meiner Ansicht nach erstaunlich präsent – selbst mit seiner Prise von Unaufrichtigkeit wie es Homophilen beliebt. So weit ich mich erinnere, hatte C.v.V. insgeheim die gleiche Ansicht wie der Dichter Hermann Hesse, der dachte dass die Psychologie eine Schwäche unserer Zeit sei. Der Fangschuss scheint mir weniger wertvoll als der bewundernswerte Alexis und nicht so wichtig für die Einschätzung von C.v.V. – besonders wenn man sich daran erinnert, dass er seine Heimat in Estland [4] nach seiner Abreise nie wieder sah [5]. ... seine letzte Adresse in Zürich-Enge [6], Farenweg 16, wo er seit 1956 in der Obhut eines jungen Krankenpflegers verblieb, wohin ich auch weiterhin meine Besuche machte und wo er am 12. Januar 1957 friedlich an großer arteriosklerotischer Schwäche verstarb. |
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Anmerkungen zu den Briefen
[1] Dr. Alb war zeitweise der Arzt von Conrad, Egon und Alexander von Vietinghoff [2] Der Arzt hat Recht: Conrad hat nie komponiert. Dass er ein moderner Komponist gewesen sei, ist eine literarische Erfindung von Marguerite Yourcenar. [3] Diese Erinnerung ist korrekt, abgesehen von einem Wohltätigkeitskonzert am 27.4.1923 zusammen mit einem Cellisten in Fribourg. [4] Karl Heinrich Ulrichs (1828-1895) nannte die gleichgeschlechtliche Liebe "Uranismus", bevor der Begriff "Homosexualität" aufkam. Was heißt die Erinnerung von Dr. Alb konkret? Muss damit gemeint sein, dass sich Conrad in den Jahren 1925/1930 bis 1950, im Alter zwischen Mitte Fünfzig und Achtzig auf öffentlichen Plätzen oder in einschlägigen Lokalen herumtrieb und zum Stadtgespräch wurde? Oder wusste man in der (gehobenen) Zürcher Gesellschaft allgemein einfach von der Orientierung des eigenartigen Musikers? Ist jemand, der in jener Zeit zu seiner Neigung stand und Aktivitäten entwickelte, d.h. sich "outete", automatisch promiskuitiv, oder verfällt man bei derartiger Beurteilung ins Klischee? Von zwei unterschiedlichen, aber direkten Zeugen, die mit ihm damals zehn und zwanzig Jahre nahe und kontinuierlich Kontakt hatten, entsteht nicht das Porträt eines alternden Abenteurers oder Menschen mit aktuellem oder zurückliegendem Doppelleben. Er schloss noch einmal eine tiefe Freundschaft mit einem jüngeren, seelisch-geistig Gleichgesinnten (bis zu einem gewissen Grad auch mit körperlicher Nähe), er genoss die Besuche eines jüngeren Mannes zum regelmäßigen gemeinsamen Musizieren (von dem er sich jedes Mal zärtlich verabschiedete) und es war ihm vergönnt, für seinen letzten Lebensabschnitt einen jüngeren Pfleger zu finden, der mit ihm zusammen wohnte und für ihn sorgte. [5] Hier ist die Kenntnis des Arztes nicht präzise: Conrads Heimat war derjenige Teil des damaligen Livland, der heute zu Lettland gehört. Er studierte allerdings in Dorpat (Tartu), das im heutigen Estland liegt. [6] Dass er nach dem Wechsel seines Studienorts von Dorpat (Tartu) nach Leipzig und Berlin mehrmals(?) seine Eltern im Baltikum besuchte, ist sicher. Belegt ist jedenfalls, dass er sein Elternhaus nach seinen Studien noch drei Mal besuchte: zur Verlobung 1902 und mit seinen Kindern 1904 und 1906. Danach vielleicht noch einmal alleine, sicherlich aber nicht mehr nach 1913. [7] Der Farenweg liegt nicht in Zürich-Enge, sondern 5 Minuten Fahrzeit entfernt von der Wohnung seines Sohnes im Quartier "Wollishofen". |
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