Anekdoten
Conrad von Vietinghoff, der Vater

 

Jeanne von Vietinghoff, die Mutter

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Jeanne von Vietinghoff, die Mutter

Jeanne von Vietinghoff Jeanne Céline Emma de Vietinghoff, geb. Bricou

– Geboren am 31. Dezember 1875 in Schaerbeck,
heute ein Stadtteil von Brüssel (Belgien)
– Gestorben am 15. Juni 1926 in Pully bei Lausanne (Schweiz)

Vorwort
Eine überragende Persönlichkeit, die wegen ihres Auftretens, ihrer Güte, Intelligenz und Schönheit zum Idol ihrer Umgebung wurde, nicht zuletzt für die Schriftstellerin Marguerite Yourcenar. Ihre geistige Entwicklung löste sich vom konservativen Protestantismus hin zu freier Spiritualität und zu einem humanistischen Menschenbild, wie es sich in ihren eigenen literarischen Werken spiegelt.

Sie war ihren eigenen moralischen Ansprüchen stark verpflichtet und stand gleichzeitig unter dem Druck, die Erwartungen zu erfüllen, die sie auslöste. Als Ehefrau eines zuerst latent, dann offen homophilen, im Alltag unbedarften Musikers hatte sie kein leichtes Leben mit zwei Kindern, der Organisation von Hauskonzerten, Salons, vielen Reisen und vier Umzügen in drei Ländern. Diese Verantwortungen haben sie zu früh verbraucht; sie starb mit fünfzig.
 

Inhalt

Rosen, Aquarell von Jeanne Bricou (Jeanne de Vietinghoff) 1) Biographie

2) Vietinghoff und Yourcenar
• Jeanne – Fernande – Marguerite
"Sieben Sonette für eine Tote"
"Im Andenken an Diotima"
"Die neue Eurydike"
"Anna, soror ..."
"Ich zähmte die Wölfin"
"Die schwarze Flamme"
"Liebesläufe"
• Egon von Vietinghoff und Marguerite Yourcenar
• Conrad von Vietinghoff und Marguerite Yourcenar
• Jeanne de Vietinghoff – Michel de Crayencour – Alexis von Vietinghoff

3) Nachruf auf Jeanne de Vietinghoff

4) Bibliographie
• Jeanne de Vietinghoffs Bücher
• Das Buch von Christine M. McGinley
• Biographien über Marguerite Yourcenar
• Andere Publikationen

5) Weitere Bemerkungen
 

Biografie

Alexis Bricou, Egons Grossvater mütterlicherseits Emma Bricou, geb. Storm de Grave (Großmutter, 1841-1933)





















Jeanne Emma Céline Bricou, Tochter des belgischen Kaufmanns*)
Alexis Pierre Joseph Bricou (1825-1877) und seiner dritten Frau
Emma Antoinette Isaure Storm de Grave aus einer holländischen Patrizierfamilie (1841-1933).

*) nach anderer Quelle: "Architekt"
 

Jeanne Bricou Jeanne von Vietinghoff geb. Bricou Jeanne ist 18 Monate alt als der Vater stirbt.

Sie wächst als Einzelkind bei ihrer Mutter in Brüssel auf, in einer Villa in der rue du Progrès 121, da wo heute Bürokomplexe in der Nähe des Nordbahnhofs stehen.
 

Brüssel, Couvent des Dames du Sacré-Coeur de Jette Saint-Pierre Brüssel, Couvent des Dames du Sacré-Coeur de Jette Saint-Pierre, Kapelle Einige Jahre geht sie aufs Gymnasium in die Klosterschule Sacré-Coeur in Jette am Rande von Brüssel. Als Protestantin wird ihr nur der Status einer Externen erlaubt.




Ihre beste Freundin dort ist Fernande Cartier de Marchienne, die Mutter der späteren Schriftstellerin Marguerite Yourcenar.
 

Jeanne Bricou  Sten de Lewenhaupt












Die auffallend sensible, wissbegierige und etwas mondäne Schönheit aus wohlhabendem Haus verbindet sich früh mit dem schwedischen Grafen Sten de Lewenhaupt. Die lange, zur Keuschheit verpflichtende Verlobungszeit versetzt ihn jedoch in eine derartige nervliche Anspannung, dass sich sein Geisteszustand zunehmend verschlechtert bis er schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden muss. Die Jahre langen inbrünstigen Gebete der jungen Jeanne für das Seelenheil des Geliebten führen sie über Schmerz zu besonderer Introversion und vertiefter Religiosität.
 

Jeanne Bricou, Wassermühle Jeanne Bricou, Windmühle













Aus dieser Zeit (1893/94) sind zwei kleine Landschaften in Öl und einige Bleistiftzeichnungen von ihrer Hand erhalten, die als "Übungen" einer erst 17- bis 18-Jährigen beachtlich sind! Ihr Sohn Egon bewahrte sie aus Pietät auf.
 

 Ausflug, Zeichnung von Jeanne Bricou Q, Schloss am Wasser in Schweden, Zeichnung von Jeanne Bricou, 1894












Später widmet sich Jeanne v. Vietinghoff zwar dem Schreiben, doch scheint sie dem Maler Egon von Vietinghoff einige ihrer Talente vererbt zu haben.
 

Verlobung von Jeanne und Conrad Conrad und Jeanne von Vietinghoff Nach der tragisch geendeten Verlobung mit dem Schweden begegnet sie bei einem Vortrag in spirituellen Kreisen in Dresden dem jungen baltischen Baron Conrad v.Vietinghoff, dem Vater des Kunstmalers. Sie treffen sich mit parallelen Erfahrungen und Ansichten, in übereinstimmender Sensibilität, Güte und Bescheidenheit.
 

Conrad und Jeanne Jeanne und Conrad von Vietinghoff Sie machen eine Verlobungsreise zu Conrads Eltern nach Salisburg im Baltikum und heiraten am 17.4.1902 in Den Haag, Niederlande.










Jeanne und Conrad verbinden eine tiefe gegenseitige menschliche Wertschätzung sowie der gemeinsame Sinn für Kunst, Ethik und Religion.
 

Egon v.Vietinghoff 1905 Alexis von Vietinghoff




















Dennoch entstammen dieser, ungewöhnlichen Ehe basierend auf seelisch-geistiger Verwandtschaft, gegenseitigem Verständnis und überpersönlicher Liebe, die beiden Söhne Egon (1903) und Alexis (1904).
 

Jeanne de Vietinghoff Jeanne de Vietinghoff, Gast auf Schloss Neuwied (Mai 1909) Wo Jeanne de Vietinghoff auch immer auftritt, sind die Menschen von ihrer überragenden Persönlichkeit beeindruckt.
















Für alle ist sie die Personifikation einer Mischung von Schönheit, Würde, Intelligenz, Integrität, Souveränität, spiritueller Tiefe und menschlicher Wärme.
 

Jeanne von Vietinghoff in Wiesbaden Wiesbaden, Gartenstrasse










Als Treffpunkt geistiger Anregungen und künstlerischen Austauschs führt sie das belebte, gemeinsame Haus 25 Jahre lang großzügig und selbstverständlich: in Paris, Wiesbaden, Genf und in Zürich.
 

Jeanne von Vietinghoff in Wiesbaden Die Vietinghoffs auf dem Arc de Triomphe









Sie pflegt die Kontakte beispielsweise zu den Literatur-Nobelpreisträgern Romain Rolland und Maurice Maeterlinck, Conrad diejenigen zu den Musikern Pablo Casals und Carl Schuricht.
 

Jeanne von Vietinghoff, Die Weisheit des Guten (deutsch 1919) Rascher Verlag Zürich Jeanne v. Vietinghoff mit Egon und Alexis













Neben den vielen Empfängen, den gelegentlichen Hauskonzerten von Conrad als Pianisten, den Besuchen bei der Mutter in Holland und den Reisen in Frankreich, Italien, Deutschland, im Baltikum und in der Schweiz mit den Kindern und teilweise auch deren Gouvernante findet sie noch Zeit, fünf Bücher zu schreiben.
 

Jeanne von Vietinghoff Jeanne von Vietinghoff Es sind psychologisch-philosophische Betrachtungen über das Leben, über das Wesen der Seele, die Chancen menschlicher Krisen, die Bedeutung geistiger Entwicklung und die göttliche Dimension des Daseins.






Konsequent entwickelt sie die Gedanken einer Frau von unerschütterlicher innerer Stärke und formuliert Werte, für die es sich zu leben lohnt. Im Laufe des Schreibens erweitert sich ihre ursprünglich konfessionsgebundene Sichtweise hin zu einer auf die wesentlichsten menschlichen Tugenden orientierten. Einerseits geprägt vom Grauen des Ersten Weltkriegs, andererseits von den persönlichen Erfahrungen ihrer Ehe.
 

Jeanne de Vietinghoff Blick in Richtung Cully, Genfersee (CC-Lizenz, Foto: Ricardo Hurtubia, Chile) Haben dieses intensive Leben und die Verantwortung für den hochsensiblen Ehemann sowie die Kinder sie zu früh verbraucht? Sie stirbt 1926 mit nur 50 Jahren an Leberkrebs in einem Sanatorium am Genfersee.
 

Grabstein Jeanne de Vietinghoffs Jeannes Grab, Friedhof Jouxtens bei Lausanne Ihr Grab auf dem Friedhof von Jouxtens über dem Genfersee bei Lausanne wurde später aufgehoben.

Auf der Grabplatte stand:

Son nom était Amour et Bonté

(- Ihr Name war Liebe und Güte -)
 

Briefumschlag abgeschickt in Paris, Egon an seine Mutter (1.10.1923) Friedhof von Jouxtens, Eingang zur Grabstätte Jeannes






In ihrer Biographie über Marguerite Yourcenar (S.83) fragt Michèle Goslar vorwurfsvoll, warum sich Egon nicht um die totkranke Mutter gekümmert habe, trotz seiner starken inneren Verbundenheit mit ihr. Welches könnten die Gründe dafür gewesen sein?
 

Jeanne und Egon von Vietinghoff P, Alexis (Bruder) Paris ca. 1925 Egon war damals, von Paris begeistert und vom dortigen Künstlerleben absorbiert, völlig eingetaucht in seine Experimente, Studien Alter Meister, eigene Stilllebenmalerei sowie Porträtaufträge. Das wussten seine Eltern und gerade seine Mutter wäre die Letzte gewesen, die ihn mit ihrer Krankheit hätte belasten wollen; sie machte nie ein Aufsehen um sich oder "jammerte" gar. Sie wollte seinen jugendlichen Elan bestimmt nicht mit Sorgen um sie behindern. Das war immer auch seine eigene Haltung.

Die Andeutungen, die bei Egon über den nachlassenden Gesundheitszustand seiner so geliebten Mutter gelegentlich ankamen, waren deshalb wohl eher zurückhaltend oder abwiegelnd. Gerade einmal 22/23 Jahre alt, konnte ihr der Sohn ja ohnehin nicht wirklich helfen und durfte sie in guter ärztlicher Betreuung wähnen oder am Genfer See "zur Kur" und Erholung. Sollte er auf Grund spärlicher und ungenauer Informationen in Paris alles stehen und liegen lassen?
 
     
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